Lissabon – Marvila

Wer Lissabon besucht, landet fast automatisch irgendwann in Alfama, Baixa oder Belém. Marvila gehört eher nicht zu den Vierteln, die ganz oben auf der Liste stehen, es wird als alternatives Viertel beschrieben, wir wollten es uns ansehen. Marvila liegt im Osten Lissabons und zeigt eine ganz andere Seite der Stadt. Hier gibt es keine Gassen voller Souvenirläden und kaum Sehenswürdigkeiten, stattdessen alte Fabrikgebäude und Lagerhallen, verlassene oder zumindest so aussehende Häuser, Graffiti, bröckelnde Fassaden und dazwischen immer wieder Gebäude, bei denen man stehen bleibt und genauer hinschaut.

Wir sind ohne ein bestimmtes Ziel durch die Gegend rund um die Rua de Marvila gelaufen. Gerade die Fassaden haben es mir angetan. Manche sind wunderschön, andere ziemlich heruntergekommen und einige offensichtlich schon sehr lange nicht mehr angerührt worden. Für Fotos ist das natürlich großartig.

Dass Marvila so aussieht, ist kein Zufall. Das Gebiet war ursprünglich von Landgütern und Gärten geprägt. Im 17. und 18. Jahrhundert hatten hier auch wohlhabende Familien ihre Landsitze. Nach dem Erdbeben von 1755 begann sich das Bild langsam zu verändern. Ende des 18. Jahrhunderts entstanden erste Manufakturen, und mit der Eisenbahn entwickelte sich Marvila im 19. Jahrhundert schließlich zu einem wichtigen Industriegebiet Lissabons. Fabriken, Weinlager und Arbeiterwohnungen bestimmten zunehmend das Viertel. Noch heute kann man diese Geschichte an vielen Stellen sehen. Besonders die alten Industriegebäude und Weinlager gehören zum Straßenbild. Einige werden inzwischen anders genutzt. In der Rua do Açúcar und der Umgebung sind in ehemaligen Industriegebäuden unter anderem Ateliers, Galerien, Restaurants und andere neue Projekte entstanden. Trotzdem wirkt Marvila nicht wie ein fertig herausgeputztes ehemaliges Industrieviertel. Alt und neu stehen teilweise ziemlich unvermittelt nebeneinander. Genau das macht die Gegend interessant. Man hat das Gefühl, ein Viertel mitten in einer Veränderung zu sehen.

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